Kurz nach 1900 prägten zwei Neuentwicklungen die Holzschnitte in Japan: Zum einen sōsaku hanga (»kreativer Druck«), von der europäischen Herstellungsweise beeinflusst, in der ein einzelner Künstler die gesamte Arbeit an einem Druck selbst durchführt und zum anderen Shin-hanga (»neuer Druck«), bei der damals neue Motive in der traditionellen japanischen Art mit einem Zeichner, einem Schnitzer und einem Drucker hergestellt wurden. Onchi Kōshirō trug im Geiste des auf Europa ausgerichteten sōsaku hanga-Ansatzes und somit als allein agierender Künstler hauptsächlich zur Verbreitung abstrakter Motive im japanischen Holzschnitt sowie zu deren internationaler Rezeption bei.
Japanische Holzschnitte des 20. Jahrhunderts in »Onchi Kōshirō: Affection for Shapeless Things«
Vom 16. Oktober 2021 bis 10. Januar 2022 widmet sich das Art Institute Chicago dem Künstler Onchi Kōshirō, der wohl prominenteste Vertreter des modernen japanischen Holzschnitts. Kōshirō ist Vertreter der sōsaku hanga-Strömung, die japanische und europäische Traditionen des Holzschnitts miteinander verbindet.
Kōshirō lebte von 1891 bis 1955 und war zu Beginn seiner Laufbahn auch als Buchgestalter und später auch als Fotograf tätig. Er schloss sich aus zwei Gründen der sōsaku hanga-Bewegung an: die europäische Arbeitsweise fokussierte sich auf nur einen Künstler, sodass dessen künstlerischer Ausdruck uneingeschränkt zur Geltung kommen kann, und Kōshirō sah im Holzschnitt die beste Möglichkeit, wahrhaft abstrakt zu arbeiten. Diese Technik empfand er als unabhängiger vom Stil eines Künstlers als die Zeichnung und sie verlangt intensivere Planung in der Komposition.
Das Art Institute Chicago stellt Kōshirō als zentrale Figur der sōsaku hanga-Gruppe aus. Kōshirōs Œuvre ist vergleichsweise klein, sodass diese Ausstellung eine erstaunliche Seltenheit ist, die den Blick auf die Kunst der Moderne um ein spannendes Kapitel erweitert.